Bereit sein ist alles. Die letzten Septembertage präsentieren sich prächtig: sonnig, trocken, schwacher Wind aus Südost. Im Presshaus ist alles vorbereitet. Als Weinbauer muss ich da einfach aufs Fahrrad und ein letztes Mal die Sonne genießen, bevor ich für 6 Monate im finsteren Keller verschwinde. Natürlich koste ich die Weintrauben am Wegesrand: Gesund, aber unreif. Aber was machen die Lesemaschinen in den Weingärten? Die werden doch nicht…

 

Eine Woche später: Noch immer prächtiges Wetter, jetzt schmecken die Trauben süß, reif und aromatisch. Perfekt! Wir beginnen mit der Weinlese. Zuerst die unwichtigen Weingärten: Gelber Muskateller (welcher Teufel hat uns geritten, diese Sorte auszupflanzen?), Junganlagen vom Weißburgunder und Chardonnay, sowie Welschriesling.

 

Zweite Oktoberwoche: wir ernten die ersten Veltlineranlagen. Und da gibt’s die große Überraschung: Keine Trauben unter 18° (das entspricht 12 vol%), und die Zuckergrade steigen extrem schnell an. Ich möchte keine Alkoholbomben erzeugen, aber allein für die Veltliner-Weingärten brauche ich 8 Tage zur Lese. Riesling, Weißburgunder und Chardonnay sind noch zuckerreicher.

 

Normalerweise lesen wir unsere Toplagen erst um Allerheiligen, heuer ist vieles anders. Der Jahrgang 2003 hat uns gelehrt: Vollreife ist das Ziel, nicht Überreife.

 

Dann wird Regen angekündigt. Büßen wir nun das Gute ein, weil wir Besseres gesucht haben? Vielleicht hatten die Früh-Leser recht. Doch heuer haben wir Glück: Der Regen kommt bis zu 20 km heran, Herrnbaumgarten bleibt trocken. Wir ernten perfekte Veltlinertrauben im Johannesbergen, einen tollen Zweigelt im Altenbergen und auch der Riesling darf jetzt herunter: 20,5° (14,3 vol%) sind mehr als genug.

 

Überhaupt, die gesunden Trauben erlauben uns vieles, was 2014 Tabu war: lange Maischestandzeit (bis zu 18 h, um den ganzen Geschmack aus den Beerenschalen herauszuholen), Mostoxidation (für langlebige Weine ohne kurzlebiges Primäraroma), ein paar Chargen Spontangärung (ohne Zusatz von Reinzuchthefen, ein risikoreiches Unternehmen, das bei Gelingen aber mehr Komplexität bringen kann). Einige Weißweine bauen wir in neuen 600-Liter Lagerfässern aus (traditionelle schwere Fässer mit dicken Dauben, weingrün gemacht und deshalb ohne fruchtzerstörende Vanille-Aromen).

 

Dann kommt er doch, der große Regen: in den ersten Tagen 50 mm, später noch mehr. Dazwischen ist ein Wochenende, aber an Wochenenden haben die Erntehelfer frei. Wir können die Großfamilie und einige Freunde mobilisieren und ernten mit 16 Helfern die restlichen Weingärten. Gut so, die Regengüsse (und die Stare) haben mehr Schaden verursacht, als erwartet. Botrytis hat sich ausgebreitet und wir müssen allerhand wegselektieren. Aber wir bringen die restlichen Trauben (Veltliner und Chardonnay) noch vor dem nächsten Regen heim.

 

Fazit: ein nahezu perfektes Jahr mit reifen Trauben, und – Reif sein ist alles!